„Kleine Europareise“ für junge Russen

Categories Presse

von Daniela Giess (Foto: www.Juergen-Laaser.de)

Wassenberg. Zwei Tage hat Lena Usainova gebraucht. Zwei Tage, um die neue Umgebung zu erkunden, sich zu orientieren in dem fremden Land, dessen Sprache sie nicht spricht. Von Heimweh keine Spur. Das 17-jährige Mädchen mit dem langen, brünetten Haar schüttelt den Kopf und lacht sein unbeschwertes Lachen.

Mit 14 anderen Jugendlichen sowie 15 Teenagern aus dem Kreis Heinsberg nimmt Lena aus Arzamas, 500 Kilometer südöstlich von Moskau, an einem internationalen Jugendaustausch statt. Auf dem Jugendzeltplatz des Kreises Heinsberg im Birgelener Wald sind die insgesamt 30 jungen Teilnehmer untergebracht. Organisiert wird der zehntägige Austausch, der der Völkerverständigung dienen soll, vom Heinsberger Verein Jugend aktiv.

Schon seit 20 Jahren finden die Begegnungen statt. „Die Verständigung klappt. Notfalls mit Händen und Füßen“, hat Vereinsvorsitzender Willi Engels festgestellt. Die Eltern einiger deutscher Teilnehmer seien Russlanddeutsche. Daher könnten viele der deutschen Jugendlichen auch fließend Russisch sprechen.

Engels will in absehbarer Zeit aufhören: „Ich gehe schließlich auf die 80 zu.“ Den Jugendaustausch soll es aber weiter geben. Armin Mokhtarian (21) kommt auf Engels‘ Bitten dazu. Der junge Student aus Hückelhoven hilft seit vielen Jahren bei der Jugend-Begegnung mit, hat die deutsch-russische Gruppe in der vergangenen Woche drei Tage lang in Berlin betreut. Über das Büro des Heinsberger Abgeordneten Wilfried Oellers wurde ein Besuch des Deutschen Bundestags ermöglicht, außerdem probierten die Mädchen und Jungen auf dem Tempelhofer Feld neue Trendsportarten aus. Das Brandenburger Tor haben sie gesehen, auch die Friedrichstraße und den Alexanderplatz mit dem Fernsehturm.

In der Spreemetropole hat es Lena Husainova sehr gut gefallen. Andrej Kostin (16) mag das deutsche Brot. „Viel weicher als unseres in Russland.“ Beide sind sicher: Der Abschied am Sonntag wird ihnen schwerfallen. „Bei mir werden wohl Tränen kullern“, gesteht Lena. Doch bis dahin erwartet die bunt gemischte Truppe ein abwechslungsreiches Ausflugsprogramm – Freibad, Besichtigung der Heinsberger Kreisverwaltung und der JVA, ein Jubiläumsfest zum 20-jährigen Bestehen des Austauschs. Und eine „kleine Europareise“, wie Engels augenzwinkernd verrät. Nach Holland, Belgien und Luxemburg wird es sie führen, im luxemburgischen Vianden wird es eine Seilbahnfahrt geben.

Franz Heinrichs besucht die Jugendlichen auf dem Zeltplatz, um ihnen von seiner früheren Tätigkeit bei der Kreispolizei zu erzählen. Der inzwischen pensionierte Kommissar, 15 Jahre als Leiter der Abteilung Vorbeugung und 20

Jahre als Jugendbeauftragter im Einsatz, erläutert seinen jungen Zuhörern, die mit ihren Stühlen einen Kreis gebildet haben, dass unter 14-Jährige in Deutschland nicht strafmündig sind, folglich von einem Gericht nicht verurteilt würden: „Trotzdem kann man aber nicht machen, was man will. Wer stiehlt, prügelt oder andere Straftaten begeht, erfährt eine andere Reaktion.“ Die Polizei informiere zum Beispiel das Jugendamt, um eine soziale Betreuung des Täters sicherzustellen.

Das angewandte Erziehungsstrafrecht gebe jugendlichen Tätern die Chance zum Umdenken. Als Jugendbeauftragter habe es zu seinen Aufgaben gehört, Jugendrichter, Jugendstaatsanwälte, Jugendgerichtshilfe und die jeweiligen Sachbearbeiter der Polizei an einen Tisch zu bringen, so Heinrichs.

aus der Rheinischen Post vom 21. Juli 2017